23. Juli 2017
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Blockierer, Kriminelle
und ein Vorschlag der
Max Planck Digital Library

Konstanze Söllner

Blockierer und Kriminelle verhindern den Übergang zu weltweitem Open Access – so könnte man den Beitrag von Sven Fund („Open Access Reloaded“) auf eine kurze Formel bringen. Das klingt nicht überraschend, denn der Ton ist immer rau, wenn um Open Access gerungen wird. Überraschend ist, wen Fund als Blockierer und Kriminelle ausgemacht hat: Bibliotheken und Wissenschaftler, und zwar in genau dieser Reihenfolge.

Bibliotheken, die den Übergang zu Open Access blockieren: da reibt manche und mancher sich die Augen. Gibt es nicht in Deutschland inzwischen eine erfolgreiche Strukturbildung für Publikationsfonds, gefördert durch die DFG? In den beiden kommenden Jahren beträgt die erwartete Eigenleistung bereits 60% – eine schöne Summe, die meist neben den Kosten für die traditionellen Subskriptionen aufgebracht werden muss. Wenn die Förderung 2019 entfällt – viel zu früh für die meisten Universitäten – haben große Bibliotheken dauerhaft gut sechsstellige Summen für Open Access Publikationen zu zahlen, und ein Ende des Wachstums des Publikationsmarktes ist nicht in Sicht. Diese zusätzliche Kostensteigerung bei der wissenschaftlichen Literatur wurde innerhalb von acht Jahren bewältigt – über die aus den Big Deals resultierenden Preissteigerungen hinaus. In diesem Fall hoffentlich in dem guten Gefühl, keinen weiteren „Big Deal“ an Land gezogen zu haben, sondern gezielt die Wissenschaftler der eigenen Einrichtung zu unterstützen. Neue Geschäftsgänge wurden eingerichtet, Kostenaufstellungen unter freien Lizenzen publiziert, Rechtsberatung für die Urheber in großem Umfang durchgeführt und Allianzen mit Hochschulleitungen, Fakultäten und Departments geschmiedet. Manche Universität weiß nun erstmals wirklich genau, wie hoch der Publikationsoutput der eigenen Wissenschaftler tatsächlich ist. Es mag aber auch Hochschulen geben, die dies nicht wissen wollen, wie vom Präsidenten einer großen deutschen Universität kolportiert, der eine Beteiligung am Förderprogramm der DFG nicht für angeraten hielt, weil Publikationszahlen gemeldet werden müssen.

Was in Deutschland jedoch noch weitgehend fehlt, ist ein echtes Umwidmen von Subskriptionsmitteln für Open Access-Kosten. Das Abbestellen von Subskriptionszeitschriften zugunsten von APCs ist hierbei natürlich nicht besonders populär, weil die renommiertesten Journals keine attraktiven Open Access-Konditionen bieten und die Subskription letztlich der Weg bleibt, die Grundausstattung der Fächer im Bereich der hochwertigen Zeitschriften zu gewährleisten. Und die eigenen Paper kennen diese ja bereits, so dass ein Investieren in die Sichtbarkeit oder Aufwand für die Zweitpublikation, dann wenn die Publikation längst erschienen ist, hinter der Aufrechterhaltung der Grundversorgung zurückstehen muss. Über die Einrichtung der Publikationsfonds ist es zwar gelungen, Open Access in Bibliotheken breit zu etablieren, weil Open Access-Zeitschriften nicht von Anfang an im direkten Wettbewerb mit den teuren und meist hochwertigeren Subskriptionszeitschriften standen. Ob der Zeitpunkt aber schon gekommen ist, das freie Spiel der Kräfte walten zu lassen, kann man kritisch sehen.

Der Vorschlag der Max Planck Digital Library, nun endlich Ernst zu machen mit dem Übergang zu Open Access, kommt darum vielleicht genau im richtigen Moment. Dass genügend Geld im System sein soll, sogar auf der nationalen Ebene, kann die Zweifler noch nicht voll überzeugen. Ein genaues Nachrechnen der einzelnen Einrichtungen steht an, die nun schauen müssen, wie hoch die Quote der korrespondierenden Autoren an allen Publikationen der eigenen Universität ist, damit die Rechnung aufgeht. Und wenn nicht sämtliche Open Access-Zeitschriften wieder schließen sollen, weil die Kosten für die APCs neben den jetzigen Subskriptionskosten unberücksichtigt geblieben sind, müssen die Bibliotheken auch diese Summen einkalkulieren. Die Herausforderung für die Häuser ist groß, und es bietet sich an, erst einmal zu schauen, was die anderen machen.

Die Teilnahmeabfrage für eine neue Runde von SCOAP3 dürfte manchen Erwerbungschef überrascht haben, der davon ausgegangen war, mit der Entscheidung, am Konsortium teilzunehmen, sei der Übergang in die Open Access-Welt zumindest für die Teilchenphysik gelaufen. Nach gerade einmal drei Jahren beginnen das Geldeinsammeln und der Verhandlungsmarathon von neuem, und in Händen hält man mehrere Dutzend Artikel der letzten Jahre, die zugegebenermaßen im Rückblick kostengünstig gewesen sind, aber es gibt keine Option auf eine Fortführung zu den gleichen Konditionen, sondern man muss womöglich eine deutliche Kostensteigerung akzeptieren.

Wenn dann die eigenen Wissenschaftler meinen, eine solche Festlegung auf eine Handvoll Zeitschriftentitel sei nicht das, was sie sich unter Open Access vorgestellt hätten, sondern Bewegungsfreiheit bei der Entscheidung für das passende Journal, dann könnte die Überlegung naheliegen, den Dingen ihren Lauf zu lassen und die Entscheidung zurückzustellen – denn eine Verbindlichkeit beim Open Access gibt es in Deutschland, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht. Wer die Teilnehmerliste von SCOAP3 anschaut, stellt fest, dass sich dennoch fast alle Universitäten, an denen Teilchenphysik gelehrt wird, an der Initiative finanziell beteiligen, es somit nur sehr wenige Trittbrettfahrer gibt. Blockieren sieht sicherlich anders aus. Dennoch ergeben sich mit dem Perspektivwechsel von „Welche Journals sollten an meiner Universität vorhanden sein?“ hin zu „In welchen Journals möchte ich publizieren?“ deutliche Verschiebungen, und meist sind es weniger Journals, in denen ich publizieren als lesen möchte, oder ich möchte womöglich überhaupt nur lesen und in einer Open Access-Welt dafür eigentlich auch nichts bezahlen. Einen Kanon von bestimmten Zeitschriften zu bilden, die umgestellt werden sollen, könnte womöglich ein einmaliges Experiment gewesen sein, das sich nicht wiederholen lässt, weil der Perspektivwechsel von einer Philosophie der Grundversorgung hin zu Publikationskosten dazu führt, dass Einrichtungen, die nur lesen wollen, über kurz oder lang aus der Finanzierung aussteigen, die Kosten folglich auf die publizierenden Einrichtungen umgelegt werden müssen. Solange, ja solange nicht die Zeitschriften deutlich günstiger werden, weil die publizierenden Einrichtungen nicht mehr Geld zur Verfügung haben als zuvor für Subskriptionen. Der Vorschlag der MDPL ist deshalb so gut, weil er auf das Geld fokussiert, das sich tatsächlich im Topf befindet. Ergänzen lässt sich: in den Töpfen derjenigen, die den Open Access weitgehend tragen werden. Und das sind in Deutschland die forschungsstarken Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Dass mittels SciHub inzwischen mehr als 48 Millionen bislang eingesperrter Aufsätze zwar illegal, aber viel einfacher und vollständiger als über jeden Bibliothekskatalog zur Verfügung stehen, macht die Absurdität der bisherigen Situation noch deutlicher. Das dahinter liegende Nutzungsprinzip ist ebenso einfach wie genial, und wenn ein SciHub schließt, so kann der nächste unproblematisch geöffnet werden. Bibliotheken, die in den letzten Jahren nolens volens zu Erfüllungsgehilfen der Verlage und zu Betreibern von komplizierten Authentifizierungs-Lösungen geworden sind, die eine Nutzung eher verhindern statt sie zu ermöglichen, fragen sich zu Recht, warum es ausgerechnet ihre Aufgabe sein soll, in einer SciHub-Welt die Paywalls der Verlage zu stützen und den Zugang zur Literatur einzuschränken. Und das häufig zu Konditionen, die nicht einmal erlauben, die lizenzierten Artikel auf einem eigenen Server aufzulegen und zu hosten. Dass Wissenschaftler den illegalen Weg zur Literatur wählen, ist letztlich nur logisch, wenn ihre eigenen Infrastruktureinrichtungen sie nicht so gut versorgen können wie Schattenbibliotheken. Wissenschaftler zu kriminalisieren und Subskriptionen, die nicht mehr viel wert sind, zu phantastischen Preisen anzubieten, das sollte von Bibliotheken blockiert werden.

Konstanze Söllner
Direktorin der
Universitätsbibliothek der FAU Erlangen – Nürnberg
Universitätsstraße 4
91054 Erlangen
E-Mail: konstanze.soellner@fau.de