27. September 2021

Make Open Science the new normal

Bericht über die Open Science Conference #osc2021 online, 17.–19. März 2021

Elgin Helen Jakisch

Es scheint, als könne man der Wissenschaft bei ihrer eigenen Neuerfindung zusehen. Open Science entwickelt sich rasant. Die Pandemie wirkt wie ein Beschleuniger der Entwicklung. Daten werden schnell und zeitnah weltweit geteilt. Prof. Klaus Tochtermann, Gründer und Gastgeber der Tagung, begrüßte es, dass viele Initiativen Open Science zur neuen Normalität verhelfen und die Themen Fahrt aufnehmen. Internationale Empfehlungen der UNESCO, der EU und vieler Wissenschaftsorganisationen ebnen politisch den Weg. Die rund 400 Anmeldungen aus 33 Ländern unterstrichen das internationale Interesse an diesem Thema. Verteilt auf drei Tage – mit einem vorgeschalteten Barcamp am 16. Februar – bot die #osc2021 die Möglichkeiten, den Talks ohne Zeitstress zu folgen und sich vielfältig zu vernetzen.

Screenshot E. Jakisch
ZBW-Direktor Klaus Tochtermann begrüßt die knapp 400 Teilnehmenden aus aller Welt

„Die 8. Open Science Conference ist ein Monitor der offenen Wissenschaften“, eröffnete Prof. Dr. Klaus Tochtermann, Direktor ZBW – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft die Tagung. Er brachte in seiner Begrüßung zum Ausdruck, dass sich Open Science (OS) derzeit in der sehr wichtigen Phase der Öffnung hin zur Gesellschaft befände. Auf der Tagung ginge es darum, zu untersuchen, welchen Beitrag OS zur Bewältigung von globalen Krisen leisten könne und wie man zur Verbesserung der Kommunikation von Wissenschaft beitragen könne. Diese Phase sei die derzeit akute und zugleich vierte eines Prozesses, der vor etwa fünf Jahren begann, woran man sehen könne, mit welcher Dynamik die Entwicklungen vorangingen. Phase eins, so Tochtermann, war die erste Sammelbewegung, das Bottom-up. Die zweite Phase folgte mit der Entstehung von Policies und Plattformen, den „Open-Initiativen“ offener Zeitschriften, Zugänge, Daten und Repositorien. Tochtermann, der im Dezember 2020 für drei Jahre ins achtköpfige Board of Directors der European Open Science Cloud (EOSC) Association gewählt worden war, zählt die Anfänge der EOSC ebenfalls zu Phase zwei. Phase drei sei mit der konkreten Erprobung von Werkzeugen und Methoden in der täglichen Arbeitspraxis gestartet. Die Initiative einer globalen Open Science Cloud mit Beteiligten aus der EU, Afrika und China1 zähle bereits zum nächsten, wichtigen Schritt. „Dies zusammen genommen sind Aktivitäten, die Open Science zur neuen Normalität verhelfen“, sagte er.

Globale Rahmenbedingungen

Ana Persic (UNESCO) stellte im ersten Beitrag der Konferenz künftige Empfehlungen der UNESCO zu OS im Sinne der Nachhaltigkeitsziele vor. Angestrebt wird ein globaler Konsens, um technische Hürden und die digitale Kluft zu benachteiligten Ländern zu verringern. „Die Pandemie hat verdeutlicht, wie wichtig zeitnaher Zugang zu relevanten wissenschaftlichen Informationen und Publikationen ist“, sagte Persic. Deshalb stünde Wissenschaftspolitik in der Pflicht, Vertrauen und Dialog mit der Gesellschaft durch Kommunikation über Forschung herzustellen. Dies trüge zur Demokratisierung und Transparenz bei. Die UNESCO wolle alle Stakeholder einbeziehen.

Von OS gäbe es im Moment ein fragmentiertes Bild. Deshalb war auf der 40. Generalversammlung der UNESCO im November 2019 die Arbeit an einer offen zugänglichen UNCESCO Recommendation on Open Science2 als ein Instrument zur Unterstützung nationaler Aktivitäten beschlossen worden. Im Rahmen einer Onlineumfrage gab es 2.900 Rückmeldungen aus 133 Ländern, darunter Forschende, Citizen Scientists, wissenschaftliche Einrichtungen, Bibliotheken und Datenorganisationen. Zudem will man die Sicht indigener Völker einbinden, um deren eigenen Wissenstransfer zu berücksichtigen, berichtete die Referentin. Die UNESCO-Empfehlung will neben einer Definition von OS auch Ziele, Werte, Handlungsfelder und das Monitoring beschreiben. Wissenschaftliche Inhalte sollen so offen wie möglich und geschlossen wie nötig gehandhabt werden. Für Infrastrukturen, Kulturen, Kapazitäten, teilnehmende Institutionen und internationale Kooperationen müsste ein Konsens gefunden werden, so Persic. Im Mai 2021 rechne man auf der 41. Sitzung der UNESCO mit konkreten Beschlüssen und Ergebnissen. Neben technischen und kulturellen Barrieren erwähnte Persic auch Hürden für Nachwuchswissenschaftler/-innen, die sich zwar an OS beteiligen wollten, denen aber die traditionellen Karriereanforderungen im Weg stünden. Sie äußerte sich optimistisch, dass ein Mehr an politischer Unterstützung nun den Weg ebne.

Open Science demokratisiert das Wissen

Screenshot E. Jakisch
Das Abschlusspanel der #osc2021

Vanessa Proudmann von SPARC Europe betonte im zweiten Vortrag die Wichtigkeit stabiler digitaler Infrastrukturen. Aus Sicht eines EU-Netzwerkes für offene Wissenschaften und Bildung gäbe es schon viele gute Ansätze und Initiativen zur Pandemiebewältigung. Sie nannte in diesem Zusammenhang CORD-193, eine auf KI basierende, kostenlose Ressource mit mehr als 280.000 wissenschaftlichen Artikeln über das neuartige Coronavirus für die weltweite Forschungsgemeinschaft.

Bei der Finanzierung von Plattformen, so Proudmann, sei es wichtig an Langfristigkeit und Nachhaltigkeit zu denken. Derzeit gäbe es viele Initiativen, von denen man nicht wisse, wie lange sie zur Verfügung stünden. „Träger finanzieren gerne Innovationen und weniger gerne dauerhaft operative Kosten“, bemängelte sie. Viele Initiativen beruhten auch auf der Freiwilligkeit der Akteure. Diese bräuchten langfristige Zusagen, um im Rahmen einer Stelle oder Position an ihren OS-Projekten weiterarbeiten zu können. Abhängigkeit von Fördergeldern bremse den Aufbau einer stabilen Infrastruktur. Letztlich verschwende man dabei Geld, bedauerte sie.

Deshalb war ihr Rat, auf bestehenden Plattformen aufzubauen. Etabliert hätten sich bereits NCBI, GenBank, bioRXiv, MedRXiv, das DOAJ oder Crossref. Derzeit drohe der Markt zu zersplittern, man müsse stattdessen erhalten und bewahren. Ein weiteres Beispiel einer gelungenen Zusammenarbeit über Plattformen hinweg sei die Global Biodata Coalition4. Generell sei eine öffentliche Trägerschaft immer vertrauenswürdig. Um eine langfristige Finanzierung zu erwirken seien gute Beziehungen zur Politik wichtig.

Der Lockdown fördert neue Data Communities

„Alle, die eine Plattform mit Forschungsdaten bestücken, kann man als Data Community zusammenfassen“, sagte Dr. Danielle Cooper von Ithaka.org. Die Non-Profit-Organisation untersuchte kürzlich Praktiken von gelungenen Projekten, wie das Projekt GISAID5, eine Initiative zum Teilen von Influenzadaten und Gensequenzen. Die Beteiligten motiviere laut Cooper oftmals der interdisziplinäre Ansatz, eine Entwicklung von unten mitgestalten zu können, die Normen mit der Community zu entwickeln und dies ohne große technische Barrieren und auf nachhaltigen Plattformen tun zu können. Jedoch seien nicht alle Disziplinen offen dafür. Bei den Wirtschaftswissenschaften gäbe es vergleichsweise viele Einschränkungen durch den Datenschutz.

Cooper führte weiter aus, dass die Schließungen von Gebäuden und Laboren während der Lockdowns zu mehr virtuellen Kooperationen geführt hätten, weil viele mit Hilfe von Data Communities Wissenslücken überbrücken konnten. Herausforderungen für die Entstehungen neuer Communities sieht die Referentin vor allem im Bereich der genutzten Infrastrukturen, weil Forschende oftmals wenig Wissen darüber mitbrächten. Forschende benötigten Unterstützung im Bereich Umgang mit Daten, Big Data und Metadaten, Plattformexpertise, technische Unterweisungen, Antworten auf IT-Fragen, was besonders gut bei der RDA Research Data Alliance6 gelungen sei.

Kriterien für die Anerkennung von OS-Forschung

Screenshot E. Jakisch

Dr. Clifford Tatum, Universität Leiden, benannte Chancen und Hindernisse einer gelungenen offenen Wissenschaft. „Bei der Forschungsevaluierung gibt es ein Puzzle an Verfahren“, beklagte er. Tatum ist Mitglied einer Expertengruppe für Open Scholarship der Initiative Knowledge Exchange. Man sucht nach alternativen Bewertungsmöglichkeiten für die Anerkennung von Forschungsleistungen im Hinblick auf Open-Science-Aktivitäten, ähnlich wie bei der Initiative DORA7. Es gebe eine Reihe von nationalen oder institutionellen Modellen, die alle vor der Frage stünden, wie sie sich etablieren sollten. Tatum schlug vor, bei wissenschaftlichen Autor/-innennetzwerken wie ORCID8, zusätzlich ein Openness-Profil mit entsprechenden OS-Aktivitäten zu ergänzen und diese um Persistent Identifyers, sogenannten PIDs, zitierfähig zu ergänzen9. Universitäten könnten als Treiber dieses Wandels agieren, schlug Tatum vor. Bisher rangiere der Aspekt von OS-Aktivitäten beim Aufbau einer Evaluierung von Forschungsleistungen noch sehr weit unten. Sinnvoll wäre es, so der Referent, die Forschungsevaluierung auf nationaler Ebene zu standardisieren und entsprechende Policies zu vereinheitlichen.

Um die Anerkennung von Forschungsleistungen ging es auch der ersten Referentin des zweiten Konferenztages, Hilary Hanahoe von RDA, die in ihrem Beitrag das Konzept eines „Research Assessment Registry“ vorstellte. Kulturelle Verhaltensänderungen bräuchten ihre Zeit und junge Forschende befänden sich in dem Dilemma, Wissen teilen zu wollen, aber dafür keine wissenschaftliche Anerkennung zu erhalten. Wie auch ihre Kollegen Persic und Tatum am Vortag betonte sie, dass OS kein Selbstzweck sei und im System etabliert werden müsse. „Das geplante Registry von RDA ist ein Pilot“, so Hanahoe. Die internationale Arbeitsgruppe bei RDA befasse sich mit bestehenden Kennzahlen wie Altmetrics und Bibliometrics, dem aus Sicht der Referentin gelungenen Dutch Reward & Recognition Programme aus den Niederlanden und den Anerkennungsprinzipien von DORA. Der Fokus bei der Evaluierung sollte auf den Aspekten der Integrität von Forschungsprojekten liegen, den Zielen der Projekte, der längerfristigen Implementierung und der Dokumentation nachfolgender Ergebnisse. Im Bemühen um einen Ansatz wolle man innerhalb der Registry bestehende Methoden berücksichtigen.

Datentransparenz zum Wohl der Tiere

Dr. Céline Heinl vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte ein neues Projekt des Instituts zur Unterstützung der Grundlagenforschung vor. Beim Bundesinstitut, gleichzeitig Deutsches Zentrum zum Schutz von Versuchstieren, will man mit Hilfe des Studienregisters BfR Animal Study Register10 seit 2019 Labore animieren, geplante Tierversuche und -experimente vorab öffentlich zu registrieren. Tierversuche seien gesellschaftlich gesehen ethische Herausforderungen, rechtlich jedoch gut reguliert und immer noch bei der Arzneimittelentwicklung vorgeschrieben, so Heinl. Mehr als 67% aller behördlichen Vorabgenehmigungen von eingereichten geplanten Versuchen gelangten nie zu einer tatsächlichen Veröffentlichung der Ergebnisse später als Paper. Dabei könnten auch negative Versuchsergebnisse eine Studienplanung dahingehend unterstützen, Doppelungen zu vermeiden, um so das Tierwohl besser zu schützen. Sie könnten auch helfen, Studien besser vorzubereiten und letztlich zu Einsparungen beitragen, gab sich Heinl überzeugt. Gute Erfahrungen habe man ja bereits bei der Klinischen Forschung mit der Plattform Clinicaltrials.gov gesammelt, die vor 20 Jahren von der FDA (Food and Drug Administration) und NHI (National Health Institute) etabliert worden sei und heute ein verpflichtendes öffentliches Verzeichnis ist. Das BfR Animal Study Registry ist offen einsehbar und die Teilnahme freiwillig. Von der Idee zu einer Studie vorab könne der Ablauf über das Studiendesign, die Einreichung des Versuchs, eine automatische Registrierung im Verzeichnis bewirken. Mit Hilfe einer DOI sei der dort registrierte Versuchsaufbau zitierfähig. Durch die Förderung vom Bund sei eine nachhaltige Infrastruktur gewährleistet. Heinl erhofft sich selbstregulierende Effekte von der Beteiligung vieler an diesem noch freiwilligen Verzeichnis.

Erfahrungen mit digitaler Zusammenarbeit stärken

Screenshot E. Jakisch
Das virtuelle Gruppenfoto, auf dem nicht alle Teilnehmenden Platz hatten

Die Berlin School of Public Engagement and Open Science ist ein Kooperationsprojekt des Naturkundemuseums Berlin und der Humboldt-Universität. Es „fördert die Kommunikation und Dialogformate zwischen Forschung und Öffentlichkeit, um gesamtgesellschaftliche Prozesse und Fragestellungen kritisch und systematisch zu begleiten“11. Dr. Alina Loth von der Berlin School of Public Engagement referierte über digitale Kooperationen als Chance, vor allem während der Pandemie. Weniger persönliche Kontakte führten zu einer Vereinsamung und zum Abbau von Vertrauen. Um dem entgegenzuwirken, bietet die Public School Kurse für die wissenschaftliche Kommunikation mit der Gesellschaft an und experimentiert seit dem ersten Lockdown mit digitalen Plattformen. Die Referentin nannte ein stabiles Internet die wichtigste Voraussetzung für digitale Kooperationen. Fehle dies, könne man einer Datenerhebung oder -nutzung im Sinne von Open Science auch durch Bürgerforschende letztlich nicht nachkommen.

Die Kooperationsprojekte an der Berlin School bezogen 36 Teilnehmende aus acht Ländern ein und man nutzte digitale Formate des Austauschs von Informationen wie Zoom und Padlet. Loth zog eine positive Bilanz aus den Erfahrungen des digitalen Jahres. Wolle man Schlüsse für die Zeit nach der Pandemie ziehen, so zeige sich, dass es letztlich kaum einen Unterschied bei der Effizienz der Zusammenarbeit gäbe im Vergleich zu einem Präsenzformat, da man über Zoom flexibel, unabhängig von Zeitzonen, bevorzugten Arbeitsmodi oder Plattformen kooperieren könne. Im Konferenzchat war nach dem Vortrag das Interesse an konkreten Tools groß. Loth empfahl, nicht zu viele Tools auszuprobieren, da nicht alle Länder auf alles zugreifen könnten, sich zu fokussieren und vor allem Informationen gut zu bündeln.

Stifterverband fordert Förderung einer breiten Innovationskultur

Tag drei startete mit einer Präsentation von Marte Sybil Kessler vom Verein Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Ihr Thema war die „Generation O“ (für open) und Praktiken in der höheren Bildung. Der Stifterverband hat mit dem „Forum für offene Innovationskultur innOsci12“ ein Zukunftslabor gegründet, welches das Potenzial einer offenen Arbeitseinstellung und -praxis über Disziplinen hinweg mit Hilfe von Design Thinking heben und möglichst Einfluss auf die Politik ausüben will. Auch Kessler sieht die Pandemie als Chance und Treiber für eine Veränderung in diesem Bereich.

#osc2021 Online-Postersession mit Live-Gesprächen

Die Postersession am ersten Tag der #osc2021-Konferenz bot 17 ausgewählte Präsentationen und Live-Gespräche mit den Autor/-innen. Hervorgehoben seien die Poster mit den meisten „views and visits“:

  • A Student Initiative for Open Science (SIOS), Franziska Nippold und Marla Dressel, University of Amsterdam (76 Interessenten),

  • Educating Data Literacy, Elisabeth Böker und Peter Brettschneider, Universität Konstanz (54),

  • Open Education as a continuation of Open Science in Finnish higher education sector, Anne Kärki, Seliina Päällysaho, Anttoni Lehto, Universität Turku und

  • The German Reproducibility Network17: A Strategic Community Effort to Promote Transparent Research Practices in the Scientific System von elf Institutionen (u.a. ZBW, Max-Delbrück-Zentrum und Charité).

Das Future Lab des Stifterverbandes untersuchte mit zwölf Teilnehmenden aus der Wissenschaft, wie ein Ökosystem aussehen müsste, in dem OS am besten funktioniere könne. Dabei wurden zunächst Hindernisse identifiziert, die einer Öffnung des wissenschaftlichen Arbeitens entgegenstehen. Unklare Strukturen, unklare Verantwortlichkeiten, komplexe Gemengelagen, viele Stakeholder, Abhängigkeiten, unvorhersehbare Konsequenzen, etablierte Kulturen und fehlender konkreter Support von der DFG und vor Ort waren die am häufigsten genannten Faktoren, so Kessler. Innovatoren müssten mit denjenigen zusammenkommen, die eine Veränderung unterstützten. Oftmals würden Hierarchien Veränderungen blockieren. Es bräuchte mehr experimentelle Umgebungen und Änderungen der Jobprofile, um OS-Know-how gezielt zu entwickeln. Leider würde OS im Moment als unübersichtlich wahrgenommen mit vielen Parallelwelten, wo keiner wüsste, was genau Stand der Dinge sei. Auch werde Personal in den Ministerien vermisst, welches politisch OS-Initiativen unterstütze. Förderung gehe nicht immer einher mit einer OS-Praxis. „Eine Innovationskultur muss insgesamt gefördert werden, nicht nur in der Wissenschaft“, so Kessler. Chancen bestünden dann, wenn man schon in der Schule mit entsprechender Bildung zum offenen Denken anfinge, statt nur vermitteltes Wissen abzufragen.

Im Chat kam die Frage auf, wie man etablierte Leitungsebenen, die nicht mit einer offenen Kultur Karriere gemacht hatten, davon überzeugen könnte, einen Wandel herbeizuführen. Kessler empfahl, sich an dem zu orientieren, was Führungskräfte antreibt und sie gezielt mit OS-Methoden dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen und auf diese Weise zu überzeugen. Das Future Lab des Stifterverbandes entwickelt ein Self-Assessment-Tool, um Willige zu unterstützen.

Studierende als Verleger

Leonhard Volz stellte ein Studierendenprojekt der Universität Amsterdam vor. Das Journal of European Psychology Students (JEPS), für das er als Redakteur arbeitet, erscheint seit 2009. Es wünschte sich mehr Sichtbarkeit der Inhalte und mehr Wahrnehmung von Forschungsergebnissen auch durch Studierende. Dazu etablierte das Redaktionsteam einen OA-Prozess, der ausschließlich initiativ von Studierenden betreut wird. Die Beiträge durchlaufen einen Review-Prozess, an dem sich PhDs oder PostDocs als Reviewer beteiligen. Die Studierenden sammelten wertvolle Erfahrungen und lernten den Veröffentlichungsprozess kennen. „Das macht mehr Mühe als gedacht“, summierte Volz die Erfahrungen. Kommt hinzu, dass das Redaktionsteam mit viel Fluktuation zu tun hat und Expertise verloren geht. Im Konferenzchat erhielt Volz viel Anerkennung für diese Initiative. Auf die Frage, wie Verlage seine Arbeit unterstützen könnten oder welche Unterstützung das JEPS-Team bräuchte, reagierte er erstaunt. Verlage hätten seiner Ansicht nach kommerzielle Interessen und dies passe nicht mit dem Open-Science-Gedanken zusammen. Volz wünschte sich von den Verlagen modernere Plattformen und wertete das PDF als veraltetes Format. Auf die Möglichkeit, sich Unterstützung bei der Universitätsbibliothek Amsterdam zu holen, die über Open-Access-Publishing informiert, wies ihn niemand hin13.

Open Science als Retter in der Krise?

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In der Ausgabe 6/2021 (September 2021) lesen Sie u.a.:

  • KI, Expertensysteme und Roboter für die Bibliothek
  • Aus Widersprüchen lernen, um das Konzept der Bibliothek als Ort umzusetzen
  • Virtuelle Lesesäle und Lehrräume
    als neue Zugangsmöglichkeiten
    zu analogen Sammlungen
  • Non-Fungible Tokens (NFTs) als neues Sammelgebiet für Bibliotheken?
  • Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz beim Schreiben von wissenschaftlichen Texten
  • Chancen und Vorteile durch Smart Cities
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Ausgabe 4 / 2021

IM FOKUS
RA Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin:
Wolfgang Kaleck und die konkrete Utopie der Menschenrechte

FOTOGRAFIE
Facettenreich!

IN MEMORIAM
Ré Soupault

ASTRONOMIE
Sonne, Mond, Sterne, Galaxien ...

RECHT
Naturschutz- und Umweltrecht | Arbeitsrecht

uvm

Das Abschlusspanel diskutierte die Frage, ob mit Hilfe von OS die Welt besser durch Krisen käme. Ana Persic, Jessica Polker (ASAPbio, USA), Paola Masuzzo (IGDORE, Belgien) und Tobias Opialla (Max-Delbrück-Zentrum) nahmen daran teil. Klaus Tochtermann moderierte und leitete die durch rege Beteiligung der 190 Zugeschalteten im Chat gestellten Fragen in die Runde weiter.

Man diskutierte zunächst, wie Forschungsergebnisse früher an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Paola Masuzzo erwähnte die zukunftsweisende Initiative der italienischen Regierung, viele Daten von öffentlichem Interesse im Zusammenhang mit COVID-19 offen zugänglich zu machen. Tobias Opialla war am Hackathon der Bundesregierung #WirVsVirus Ende März 2020 beteiligt – mit vielen guten Ergebnissen, offene Daten zu nutzen. Die Herausforderung sei, dass Informationen da ankämen, wo sie unmittelbar gebraucht würden, sagte er und bedauerte, dass die Bundesregierung offene Initiativen nicht immer weiter unterstütze. Ressourcen über institutionelle Grenzen hinweg seien oftmals nicht bekannt und müssten effizienter genutzt werden. Er nannte beispielhaft die verzögerte Einführung des IT-Systems SORMAS zur Erfassung von Infektionsdaten, welches 2014 in Deutschland am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entwickelt wurde und seither in Nigeria und anderen Ländern erfolgreich im Einsatz ist – nur noch nicht in deutschen Gesundheitsämtern.14

Jessica Polker befand, dass auch Preprints eine größere Bedeutung erlangt hätten, die nicht nur von der Öffentlichkeit wahrgenommen würden, sondern auch in Folge der Erfahrungen neue Peer-Review-Initiativen hervorgebracht hätten. Sie kritisierte eine mangelnde Fehlerkultur in der Wissenschaft. Ergebnisse sollten konstruktiv diskutiert werden können. Änderungen an Manuskripten seien im Nachhinein kaum möglich. Paola Masuzzo zeigte sich trotzdem optimistisch, dass man nach der Pandemie nicht wieder zur alten Tagesordnung zurückkehren werde. Dafür gäbe es schon zu viele neue erfolgreiche Wege. Ana Persic ergänzte, dass über die Risiken der offenen Daten und Wissenschaft transparent kommuniziert werden müsse. Vielleicht biete OS die Chance, Ungleichheiten zu überwinden. Die UNESCO plane virtuelle regionale OS-Konferenzen in allen Kontinenten. So könne man überall teilnehmen und viel über andere Sichtweisen lernen.

Begrüßt wurde im Panel das Öffnen der Artikel zum Thema COVID-19 durch die Verlage. Aber auch hier war man wieder skeptisch, wie nachhaltig dies angesichts von Long-COVID gehandhabt werde, wenn die Pandemie abebbe. Alle waren sich einig, OS sei der einzige Weg in die Zukunft, jedoch sei vieles noch offen, vor allem, welche Plattformen und Tools sich letztlich nachhaltig durchsetzen werden. Eine abschließende Antwort auf die Frage, ob die Welt mit Hilfe von Open Science besser durch Krisen komme, gab das Abschlusspanel nicht. Aber wie könnte es? Alles ist im Fluss.

Journalist führt durch die Konferenz

Die 8. Open Science Conference wurde locker und kurzweilig von David Patrician moderiert. Der Journalist, der mit der ZBW beim Projekt YES! – Young Economic Summit15 zusammengearbeitet hat, führte an allen drei Tagen souverän durch das Programm. Er moderierte die Sessions und übermittelte die Fragen aus dem Chat an die Referierenden. Die Fragen konnten übrigens durch einen Klick-Vote der Teilnehmenden, das heißt, durch Anklicken eines Like-Buttons, in ihrer Priorität nach vorne befördert werden.

Interessierte finden hier weitere Informationen zum Programm16, zu den Konferenzfolien & Postern: https://zenodo.org/communities/osc2021, und zu den Referent/-innen: https://www.open-science-conference.eu/speakers

Die nächste Open-Science-Tagung wird im Frühjahr 2022 durchgeführt. Mit welchem Konzept, ob online wieder mit vielen Teilnehmenden aus aller Welt oder hybrid, wollte Tochtermann offen lassen. Für die Entscheidung werde man das Beste aus allen Erfahrungen zusammenbringen.


Fußnoten

1. Vgl. https://eosc-portal.eu/

2. Vgl. https://en.unesco.org/science-sustainable-future/open-science/recommendationder erste Entwurf und Informationen zur Datengrundlage sind im Netz verfügbar.

3. Vgl. https://www.semanticscholar.org/cord19

4. Vgl. https://globalbiodata.org/

5. Vgl. https://www.gisaid.org/

6. Vgl. https://www.rd-alliance.org/

7. Vgl. https://sfdora.org/

8. Vgl. https://orcid.org/

9. Vgl. Präsentation von Clifford Tatum u.a. auf https://zenodo.org/record/2549270#.XItkny2ZPi8

10. Vgl. https://www.bfr.bund.de/de/animal_study_registry-249316.html

11. Vgl. https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/future/wissenschaftscampus/berlin-school-public-engagement-and-open-science

12. Vgl. https://www.stifterverband.org/innosci

13. Vgl. https://uba.uva.nl/en/support/research/open-access/open-access.html?cb

14. Vgl. https://www.heise.de/news/Lernen-von-Afrika-Bekommt-Sormas-die-Corona-Daten-in-den-Griff-5047059.html

15. Vgl. https://www.young-economic-summit.org/

16. Vgl. https://bit.ly/3dYNn46

17. Vgl. https://reproducibilitynetwork.de/

Elgin Helen Jakisch, Berlin
jakisch@ub-interim.de